Beim Planen des Tragwerks denken wir in der Regel von oben nach unten, um sicherzustellen, dass alle Lasten zuverlässig bis in die Gründung abgetragen werden. Beim Südschnellweg drängt uns der enge Zeitplan jedoch dazu, unten schon mal anzufangen, während wir oben noch planen.

Genau darin liegt eine der zentralen Ingenieurleistungen dieses Projekts – getragen von der Erfahrung, früh einschätzen zu können, wie leistungsfähig dieses „Unten“ sein muss.

Auf rund 3,8 Kilometern wird der Südschnellweg zwischen Landwehrkreisel und den Bahnbrücken vor dem Seelhorster Kreuz grundlegend modernisiert. Im Westen entstehen neue Brücken über Leine und Leineflutmulde. Im Bereich Hildesheimer Straße und Willmerstraße wird der Schnellweg künftig in einem rund 1.100 Meter langen Tunnel einschließlich Rampenbauwerken geführt.

Die besondere Herausforderung liegt weniger im einzelnen Bauwerk als in den Abhängigkeiten dazwischen. Der Verkehr muss weiterlaufen. Die alten Brücken müssen so lange sicher funktionieren, bis die neuen übernehmen. Gleichzeitig laufen Planung und Bau parallel. Hinzu kommen Grundwasser, Hochwasser, Stadtbahn, Leitungen, Naturschutz und Logistik.

Einzelne Bauschritte haben wir in den vergangenen Monaten filmisch begleitet.

Unten wird gebaut, oben wird weitergeplant

Während Gründungen und Pfeiler bereits entstehen, werden weiter oben liegende Bauteile noch detailliert geplant. Das bedeutet: Lasten und Effekte aus Bauteilen, die sich noch in der Konzeption befinden, mussten bereits in die Bemessung der unteren Bauteile einfließen.

Planung heißt hier deshalb vor allem vorausdenken. Belastbare Annahmen treffen. Folgen abschätzen. Neue Erkenntnisse schnell wieder in das Gesamtsystem einarbeiten.

Das gilt nicht nur für das Tragwerk. Auch Baugrund, Bauverfahren und Logistik verändern sich im Projektverlauf. Eine neue Erkenntnis aus der Tiefgründung kann Auswirkungen auf spätere Bauzustände und damit auf den gesamten Ablauf haben.

Aus einer linearen Planung wird so ein laufend synchronisiertes System.

Der Bauzustand ist Teil des Entwurfs

Besonders deutlich wird das an der Leineflutmuldenbrücke. Die erste neue Brückenhälfte entsteht zunächst südlich des Bestands. Sie übernimmt später den Verkehr, damit die alte Brücke abgebrochen und die zweite Hälfte gebaut werden kann. Anschließend wird der zuerst hergestellte Überbau um rund 4,20 Meter nach Norden in seine endgültige Lage verschoben.

Schon heute müssen die Pfeiler diesen späteren Querverschub berücksichtigen. Das Bauwerk wird also nicht nur für seinen Endzustand geplant. Auch die Zwischenzustände müssen vollständig funktionieren.

Für den Überbau der rund 240 Meter langen Leineflutmuldenbrücke kommt zudem eine rund 95 Meter lange und etwa 600 Tonnen schwere Vorschubrüstung zum Einsatz. Sie trägt die Schalung von oben und macht einen konventionellen „Stützenwald“ im Ricklinger Kiesteich überflüssig. Nach jedem Brückenfeld wird sie hydraulisch weitergeschoben.

Hier greifen Bauverfahren, Tragwerksplanung und Gewässerschutz unmittelbar ineinander.

Drei Bauwerke, drei Bauzustände

Leineflutmuldenbrücke: Gründungen und Teile der Pfeiler sind hergestellt, die Vorschubrüstung ist montiert. Nun entsteht abschnittsweise der Überbau der ersten südlichen Brückenhälfte. Anfang 2027 soll sie gemeinsam mit der ersten Hälfte der Leinebrücke den Verkehr übernehmen.

Leinebrücke: Hier stehen Gründung und Unterbau noch stärker im Vordergrund. Gleichzeitig bleibt die bestehende Brücke in Betrieb. Wegen ihres kritischen Zustands wird sie engmaschig geprüft und per Sensorik überwacht. Erst wenn der Neubau übernehmen kann, wird der Bestand außer Betrieb genommen.

Tunnel Hildesheimer Straße: Der Rohbau ist inzwischen sichtbar. Am 3. Juni 2026 wurde in Baudock 4 die erste 1,20 Meter starke Tunnelsohle betoniert. Anfang August standen dort bereits die ersten Tunnelwände. Parallel laufen Arbeiten in weiteren Baudocks – vom Aushub bis zur Vorbereitung von Unterwasserbetonsohlen. Für die baustatische Prüfung des Massivbaus ist Dr.-Ing. Joachim Göhlmann gemeinsam mit seinem Team der verantwortliche Prüfingenieure.

Die alte Hochstraße über die Hildesheimer Straße ist bereits vollständig zurückgebaut. Während des Tunnelbaus läuft der Verkehr über eine rund 940 Meter lange Behelfsbrücke.

Ingenieurleistung heißt: Zusammenhänge beherrschen

Der Südschnellweg zeigt, worauf es bei großen Infrastrukturprojekten heute ankommt.

Eine Gründung muss zu einem Überbau passen, dessen Details noch entstehen. Ein Pfeiler muss einen späteren Querverschub ermöglichen. Ein Tunnelbaudock muss rechtzeitig fertig werden, damit oberirdisch Verkehr verlegt und nebenan weitergebaut werden kann. Ein Bauverfahren muss nicht nur statisch funktionieren, sondern auch mit Gewässer-, Natur- und Verkehrsanforderungen zusammenpassen.

Das verlangt Erfahrung, klare Prozesse und enge Abstimmung zwischen Planung, Bauherrschaft, ausführenden Unternehmen, Prüfingenieurinnen und Prüfingenieuren sowie zahlreichen weiteren Fachdisziplinen.

Die Ingenieurleistung liegt deshalb nicht allein im Beton.

Sie liegt in der Choreografie: darin, Bestand, Planung, Bau, Verkehr, Natur und Stadtentwicklung so aufeinander abzustimmen, dass alles gleichzeitig funktionieren kann.

Stand der Baustellenangaben: 19. August 2026.

© Bild- und Videomaterial | Philip Zintarra

 

 

Veröffentlicht am: 30. September 2026Kategorien: Ingenieurbrückenbau, Projekte

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